Tag 20 und 21
18. und 19. 06. 2012 (1170km in Worten eintausendeinhundertsiebzig Kilometer ) Start: 6:30 Märsta, Stockholm, Nyköping, Norrköping, Linköping, Jönköping, Värnamo, Ljungby, Markaryd, Helsingborg, Malmö, Kopenhagen, Slagelse, Odense, Middelfart, Kolding, Padborg, Flensburg, Husum, Heide, Meldorf, Helse, Friedrichskoog Stop 7:30
Wie der junge Morgen erwache ich und bin trotz der frühen Stunde schon fit. Im Erdgeschoß des Centers wartet seit 4 das Frühstück. In Nicki, Jeans und meinen stolz getragenen niegelnagelneuen Gummistiefeln

hole ich Saft , Joghurt , Müsli und einen Apfel auf die Hand. Das reicht! Zurück in Zimmer 605 werden alle Sachen zusammengepackt und Ordnung gemacht. Zahnpasta nicht vergessen? Check! Nasse Socken die aus dem Fenster baumeln geborgen? Check! Alle Eisdosen im Papierkorb? Check! Dann los. Auschecken und durch die Sicherheitsschleusen wieder zurück zur AWO. Die noch dreiviertel nassen Schuhe hänge ich ins Ersatzrad und binde sie fest. Vielleicht trocknet der Fahrtwind sie ja . Nach weiteren 3 Sicherheitstüren wieder am Licht tanken wir und stürzen uns volle Pulle mit 60

ins Montagmorgengetümmel des Stockholmer Speckgürtels und der Hauptstadt selbst.
Großstädte sind alle gleich „schön“ anzuschauen nur Dresden ist besonders. Vorsicht, Meinung des Autors ! Komisch ist aber schon, wenn man sich im Gespräch mit Leuten erklärt, scheint den meisten nicht bei East Germany oder Saxony ein Licht aufzugehen. Sagt man aber „near Dresden“ weiß jeder , wo das ist.
Wie dem auch sei, Stockholm wird also, wie die meisten anderen Großstädte, die ich während der Reise passiert habe und noch werde, einfach durchfahren. Ein „Stückchen“ weiter folgt eine Perle der Natur. Nein nicht das Bier! Der große Väternsee. Und er ist wirklich groß. Ich glaube der größte and dem wir vorbeigefahren sind. Zig Kilometer zieht die Straße am Ufer entlang und bei tollstem „Nichtgummistiefelwetter“ mit blauem Himmel und Schäfchenwolken bei 20°C lassen wir uns mit ein paar Päuschen treiben. Heute läuft es richtig gut. Das Ausschlafen hat richtig gut getan. Mal sehen wie weit wir kommen. Helsingborg scheint ein gutes Ziel. In diese Richtung halte ich mich auch. Die Gedanken streichen schonmal ein paar hundert Kilometer voraus in Richtung Heimat. Alles geht heute wie von selbst und ich genieße nach dem Regen gestern jeden Kilometer mit Sonne. Selbst Porsches und riesige Volvos nehmen es mir nicht krumm, wenn sie auf der manchmal einspurigen Straße ne Weile hinter mir her „gurken“ müßen. Sie fahren einfach hinterher und wenns wieder zweispurig wird überholen sie gemächlich. Das ist hier eben so. Um Linköping herum säumen viele Flugzeuge den Straßenrand. Hier befinden sich die Saab – Flugzeugwerke.
Fast möchte sich ob des schönen Wetters meine Laune wieder eintrüben, hätte ich doch die Gummistiefel umsonst gekauft. Naja vor Regen schützen geht ja auch indirekt. Das Ziel des trockenbleibens wird auch bei Trockenheit erreicht :-) . Aber bald trübt es sich ein. Sie sollen ihre Chance bekommen, sich zu bewähren, denn bald regnet es richtig und lange. Von einem Tankstop zum nächsten ( ca 200 km ) schüttet es von oben und unten und ich gucke dauernd runter, wackle mit den warmen Zehen in trockenen Socken und freue mich wie ein kleines Kind, wie toll die Gummistiefel doch halten! Irgendwann ist auch die schönste Regenfahrt vorbei und wir nähern uns Helsingborg. Irgendwie ist die Luft noch nicht ganz raus heute, ein paar Kilometerchen könnten noch, dann das Schild „Malmö 40km“. Wäre cool, die Brücke heute noch zu sehen, diesmal bei Sonnenuntergang. Soll es also weitergehen? JA ES SOLL ! Ab hier fahren wir die selbe Strecke wieder zurück. Bis Malmö kommt es uns wie ein Katzensprung vor und .... ach wenn wir schonmal da sind .... . Schon ist die Maut gezahlt und bei Abenddämmerung gehts hoch hinaus auf die Brücke. Bei ganz anderem Licht und mehr Wind. Herz, was willst du mehr? Natürlich das Meer !!! Geht klar, kommt sofort! DAS ist wieder ein Erlebnis der besonderen Art. Aber hier wird auch noch gearbeitet. Kurz vor dem dunkel werden wird hier noch mit mehreren großen Maschinen am Straßenrand Gras gemäht. Zurück zu dem Emotionen. Da sehr wenig Verkehr ist, kann ich auch schön langsam fahren und den Blick übers Wasser fliegen lassen. Die Sonne will sich hinter den Wolken, die über Dänemark hängen zur Ruhe begeben und läßt für wenige Minuten noch ihr Abendrot auf dem Öresund frei. Ich muß einfach anhalten und DAS aufnehmen ( nicht auf Digikam sondern auf einen wesentlich zuverlässigeren Speicher: Optik: Auge, Speichermedium: Kortex. ). Recht schnell kommt jedoch die Wirklichkeit wieder und ich realisiere, es ist 1. hoch, 2. viel zu hoch für meinen Geschmack und 3. recht windig was meine auf einmal recht wackeligen Beine nicht gerade standfester macht. Schnell wieder zum Gespann und weiter! Was man auf der Hinreise nicht gesehen hat, da man ja noch am Festland in ein Tunnel fuhr ist, daß die Brücke scheinbar im Meer endet. Also das Tunnel beginnt auf einer Insel. Wenn man in der Dämmerung über die Brücke fährt, sieht es so aus, alsob man ins Wasser abtaucht. Rechts liegt die Insel Saltholm. Diese wurde aus dem Abraum der Brücken- und Tunnelbaustelle aufgeschüttet und ist Schutzgebiet. Noch vor dem Tunnel überholt mich sehr zügig ein Harleyfahrer mit deutscher Nummer. Schon zum zweiten Mal der selbe. Das Tunnel entlässt uns kurz vor Kopenhagen wieder aus seiner Obhut. Der Himmel sieht auf einmal gefährlich nach Gewitter aus und es weht ein kräftiger Wind von rechts. Ich muß gegensteuern. Das macht die Fahrt nicht leichter. An einer Tankstelle gibts einen schnellen Red Bull, und ein paar Minuten verschnaufen, Eigentlich wollte ich mich nach ner Bleibe umsehen, aber es ist nun schon halb zwölf und so richtig will sich keine Lust zum Hotel suchen oder Zelt aufbauen einstellen. Gerade hab ich meine „Stärkung“ hintergeschüttet und will wieder los, da sehe ich einen Biker an seiner Kiste schrauben. Ach der Harleyfahrer wieder! Ich frage ob hilfe gebraucht wird. Ölverschmiert kommt er unter seiner Karre hervorgekrochen und sein Gesicht sagt mir: Ja. Er hat ein Ölleck. WOW das gibts auch bei anderen Maschinen ? Und Öllecks sehen ja auch immer gleich katastrophal aus. Der gesamte Motorblock und das Getriebe, sowie das Hinterrad sind sehr gut „geschmiert“. Es dauert eine Weile bis wir den wunden Punkt gefunden haben. Hinter dem Ölfilter schlängelt sich ein kleines Röhrchen hinauf am Tank vorbei und endet an einem superwichtigen „High – Performance“ Öldruckmanometer. Das Röhrchen hatte sich in das Ölfiltergehäuse verliebt und sich an ihm aufgerieben. So lief das Öl am Filter runter und tropfte auf den Motorblock und das Getriebe von wo es sich schön gleichmäßig auf den Reifen verteilte. Lösung: Röhrchen blind machen! Kurzehand wird das Röhrchen vom Besitzer mittels eines chinesischen Seitenschneiders abgezwickt. Naja der Seitenschneider sieht eher nur so aus. Richtig müßte es Seitenquetscher heißen. Jedenfalls wird das Röhrchen mehr oder weniger abgerissen, umgebördelt und soll jetzt dicht sein. Ich melde Bedenken an, und zitiere den Mopedprinzen . Öl hat einen spitzen Kopf und ist flüssig wie Wasser, wenns warm ist! Das umbördeln klappt natürlich nicht. Jetzt darf ich meine Variante probieren. Am hinteren Zylinderfuß ist das Röhrchen mit einer kleinen zölligen Überwurfmutter befestigt. Ich umwickle den Anfang des Röhrchens fest mit Teflonband aus meinem Repertoire und schraube das ganze wieder fest.
Vergnügt steht der glatzköpfige Endfünfziger neben mir und meint: „Da steh ich mitten in der Nacht irgendwo in Dänemark an einer Tankstelle und gucke zu, wie mir so ein Simsontyp , der es im Gegenteil zu mir mit seinem Alteisen bis zum Kap und wieder zurück geschafft hat, meine Harley wieder heil macht.“ Wir lachen beide herzlich. Meine Flickschusterei hält. Wir sind begeistert. Er läd mich noch auf nen Kaffee ein. Kaffee lehne ich ab, also muß es noch ein Redbull sein :-) ( der zweite innerhalb einer halben Stunde, wenn das nicht hilft ... )Wir unterhalten uns noch ganz nett und er erzählt von seiner anderen Panne unterwegs und daß ihn oberhalb von Trondheim schon gefroren hat, sodaß er dann keine Lust mehr hatte und umgedreht ist. Ich schmunzle in mich rein als er dramatisch von einstelligen Temperaturen erzählt. Seine teuren Goretex – Wanderschuhe waren auch schon mehrmals abgesoffen und seine Harleykombi sieht auch schicker aus als sie wärmt. Er möchte am liebsten durchfahren bis zu Hause und will noch eine Fähre in Puttgarden erwischen. Ob nachts halb 2 noch was fährt bezweifle ich und schlage meine, ihm unbekannte Route über die Brücke als Alternative vor. Das ist ihm zu weit und so trennen sich wenige Minuten später nach einer sehr freundschaftlichen Verabschiedung unsere Wege wieder. Aufgeputscht durch 2 Redbull und ein paar leckere Schnitten Brot und Kaviar mache ich den Autopilot rein und wir schweben im Tiefflug durch die wolkenverhangene dänische Nacht, alsob die Kilometer nur Luft wären. Paul van Dyk mit seinem Album „out there and back“ (^^ hin und wieder zurück) in Endlosschleife begleitet mich so sicher wie schon im Jahre 2000, als wir mit dem Auto nachts durchgefahren sind. Anja neben mir seelenruhig schlafend mit unserem ältesten im Bäuchel. .... Memories pur...
Bei Durst wird getrunken, bei Hunger gegessen. Wenn getankt werden muß gibts rechtzeitig Benzin. Werden die Augen schwer gibts nen Schluck Redbull und 25 Liegestütze in voller Montur. Kein Bock anzuhalten. Kein Bock zu schlafen. Nur Bock auf AWO fahren. Die Nacht vergeht wie im Flug. Der Morgentau senkt sich herab und es ist, als führe man durch unsichtbaren Regen. Alles wird klamm, die Luft wird frisch und ab und zu fröstelt es mich ein bisschen. Liegestütze sind hier wieder das Mittel der Wahl. Allein durch Dänemark sicher über 100 :-) . Die Sonne wagt einen ersten Blick über den Horizont. Ein unglaublicher Anblick, wenn die morgentliche Welt vom Himmel her in rosarote Tücher gehüllt wird und die Nebelschleier den Wiesen schmeicheln. Soeben fahre ich an einer Herde Kühe vorbei. Die ersten haben sich schon aufgerappelt und grasen gemächlich. Andere und die Kleinen dürfen noch ein bisschen dösen. Das alles bei diesem Licht. Noch jetzt beim schreiben bekomme ich Gänsehaut, wenn ich mich erinnere. Aber upps, was ist das? Ein Schild. Flensborg nur noch 40 km. So heimlich es nur geht, hat sich schon die deutsche Grenze angeschlichen. Ein letztes Mal tanke ich in Dänemark und .... kanns kaum glauben, daß wir schon HIER sind, Im Morgengrauen uberqueren wir die Grenze und gerade denke ich an das letzte Mal als wir 2000 mit Anja diese Grenze in dieser Richtung um fast dieselbe Uhrzeit passiert haben. Das erste was uns damals wie ein Hammer auf den Kopf daran erinnerte in D zu sein, ist die Tatsache, daß es gleich alle wieder total eilig haben. Genauso geht es mir wieder. Soeben von der Autobahn runter sehe ich, wie ein popeliger 1,4 er Polo mit seinen Scheinwerfern an meinem Auspuff klebt und am liebsten schieben möchte. Du bringst mich jetzt auch nicht mehr aus meinem seit über 8000 km bewährten Konzept. Bei der nächsten unpassenden Möglichkeit macht er auf Schumi und verheizt mich als gäbe es kein Morgen! Soll ich jetzt beeindruckt sein! Keine Zeit, muß weiter noch meine letzten Marathonkilometer genießen. Aber wenn jemand fragt, wie man am besten erkennt, daß man sich in Deutschland befindet, so weiß ich spätestens jetzt, das ist das Fahrverhalten. Mein Herz klopft. Wir sind jetzt 24 Stunden unterwegs und 26 auf den Beinen. Die 1000 km Marke ist gefallen. Genau 1103 km von halb 7 bis wieder halb 7. Jetzt würden wir zwei sogar für die Iron Butt Association taugen. Die Sonne lacht und Husum und Heide fliegen vorbei. Kein Halten mehr. Marne. Friedrichskoog. Noch einmal tief durchatmen, Noch einmal Gas geben. Noch ein Kreisverkehr. Halb 8 und heute mit 1170km auf der Uhr biege ich beim großen Deichgarage – Schild ein, ramme dieses Mal nicht den Gartenzaun und drehe den Zündschlüssel auf 0. Geschafft. Kreis geschlossen! Vor Freude lege ich mich ins Gras und liege ruhig mit geschlossenen Augen da. Wenn jetzt Schnee wäre könnte man einen Schneeengel machen.. So mache ich einen Grasengel und auch das fühlt sich gut an. Romy kommt raus und wundert sich. AWO da . Bernde weg ? Es folgt ein herzlicher Empfang und nachdem Nick und die anderen aus den Federn geholt sind, gibts lecker Frühstück und ich stehe Rede und Antwort. Nick überreicht mir den „Pokal für die weiteste Anreise nach Friedrichskoog“. Einmal mehr bin ich platt. Ich weiß nicht, ob es so rüberkommt angesichts meiner Müdigkeit, aber ich bin wirklich und ehrlich erfreut und gerührt. Es setzt wieder dieses unbeschreibliche Gefühl ein, wie ich es leider sonst kaum woanders, als auf dem Deich empfinde. Auf einmal haben auch alle anderen keinen Bock mehr auf irgendwas anderes, als sitzen, chillen, schnacken und die Sonne die Nasenspitze kitzeln zu lassen. Es folgt ein ganz liebes Telefonat mit Anja. Sie kann es nicht glauben, daß ich schon in Deutschland bin.Weit nach mittag rappel ich mich hoch um 5m Luftlinie wieder, diesmal aber liegend in die Traumwelt hinabzusteigen. 5 Minuten später werde ich wieder munter und es ist schon abend. Nick hat Kneipendienst, es findet ein kleines Open Air Konzert hinter dem Deich statt und Erna braucht ihren Auslauf. Das Wasser ist wie immer weg, aber das stört überhaupt nicht. Das Deichgefühl setzt schlagartig ein und Tolkien kommt mir wieder in den Sinn. Nun würde ich mich eher zu den Hobbits als zu den Elben zählen, obwohl ich keine Haare an den Füßen habe. Trotzdem kann ich dem Elb mitfühlen, der seine erste Möve schreien hört, nachdem er geweissagt bekam, er solle sich vor dem Schrei der Möve hüten, denn sonst würde er nie mehr Ruhe finden bis er ans Meer zurückkehre und es endlich für immer überquere. Ich könnte Stunden hier verbringen. Beim nochmal durchlesen klingt das alles schon sehr sentimental. Laßt mich doch. Nach so einer Strecke ist das schonmal ok !
Technisches:
„nicht öffnen“ - Schraube zweimal locker gewesen ... festgezogen
Kardan abgeschmiert
Lichtmaschinengehäuse gereinigt ( Wasser – Öl – Gemisch )
Hinterradbremse gereinigt
Öl
dirty old men need love too. - burt munro 1899-1978 -
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