Könnt ihr noch ? Dann bitte
Tag 11
09.06.12 (380km) Start 6:25 Bogen, Setermoen, Olsborg, Nordkjoskotn, Tromsö, Nordkjoskotn, Skibotn
Dieser Morgen beginnt mal völlig anders. Als ich los möchte, es ist kühl am Fjord und ich bin dick eingemummelt., will sie nicht. Ich trete und trete aber außer ein paar kurzen Zündungen passiert nichts. Na doch , denn sie säuft ab. Werkzeug rausholen? Kerze trocknen? Boah ist das warm hier am Fjord... keine Lust... will los. Also anschieben. Die Straße geht bergab, aber bis zur Straße ists noch ein Stück und das geht nicht bergab. Ich dampfe jetzt schon. Endlich auf der Straße, anschieben... endlich läuft sie; draufgeschwungen und weiter. Ich merke schon, wie ich innerlich schmelze. Nach vielleicht 3 km halte ich an und Muß mich ausziehen. Merke: Kerzenschlüssel immer griffbereit halten. Anschieben ist ja auch sonst nicht gut für den Antrieb. Außerdem ist man ja im Urlaub und nicht auf der Flucht. Blöder Heini, denke ich noch über meine Faulheit erschüttert und mache zur Strafe ne extra lange Pause. Danach ist alles wieder ok. AWO springt wie gewohnt an, ich bin auch wieder „abgelüftet“. Nie wieder anschieben! An der nächsten In Nordkjosbotn tanke ich und genehmige mir noch Käsebratwurst mit Schinken und frittierten Zwiebeln und frage nach einem Reifenladen in der Nähe. Die Verkäuferin meint Tromsö. Upps, das liegt ja nicht gerade auf meinem Weg … aber … wir haben ja Zeit . Auf nach Tromsö. Der Weg dorthin ist gut ausgebaut und … hatte ich schon erwähnt, daß die Natur umwerfend schön ist … bis Tromsö sind es trotzdem an die 70 km. Schon von weitem sieht man die schmale, stelzbeinige Brücke, die City und Festland verbindet. Davor steht wie ein verkehrtrum in den Boden gesteckter Eiszapfen die Eismehrkathedrale. Die umrunde ich und ein paar verwundert dreinblickende Passanten machen mich stutzig; oje in eine gesperrte Straße rein gefahren, Sorry. Noch schnell ein Bild: Eiszapfenkathedrale mit AWO und schwupp, über die Brücke in die Innenstadt. Dort pulsiert das Leben. Einen jungen Mann an der Tankstelle spreche ich wegen einem Reifenladen an. Er zeigt mir auf der Karte einen Reifenladen, einen „Motorradclub“ und meint es könne Samstag nachmittag schwierig werden, weil alle Geschäfte zu hätten. Ich versuche, mich durch die Stadt zu schlengeln und fahre durch die zweite Verbindung zum Festland. Wenn keine Brücke, was kanns in Norwegen sonst sein, als … EIN TUNNEL.... . Der „Motorradclub“ befindet sich in Sichtweite der Eismeerkathedrale und entpuppt sich als wahrscheinlich nördlichster Außenposten der „Hells Angels“ . Die Tür ist zu. Vorsichtig

drücke ich die Klingel und es öffnet ein langhaariger Kerl mit Brille die Tür. Ich erzähle ihm von meinem Reifenproblem und er schaut sich interessiert die AWO an. Kurz entschlossen nimmt er mich mit rein und kocht mir einen Kaffee, während er für mich mit Hinz und Kunz wegen einem passenden Pneu rumtelefoniert. Nach ca. einer halben Stunde gibt er auf, entschuldigt sich und meint, es wäre Samstag nachmittag und hier wäre da eben alles schon geschlossen. Ich bringe meinen Dank zum Ausdruck und verabschiede mich. Er wünscht ir noch ne gute Reise und schließt hinter mir wieder ab, wegen der Polizei, wie er meint. Bisher bin ja fast keinen Weg doppelt gefahren. Die knapp 70 km zurück nach Nordkjosbotn sind zwar der gleiche Weg, nur kommt es einem vor als ob man noch nicht da lang gefahren wäre. Die Landschaft zeigt mir jetzt das Gesicht , was sonst nur mein Rücklicht zu sehen bekommt. Wieder in Nordkjosbotn hole ich mir in dem Markt neben der Tankstelle etwas Seelennahrung; einen Energieriegel, einen Daimkrokantriegel und einen Smoothie und telefoniere mit Anja und den Kindern.
Zu Hause ist alles so weit in Ordnung. Bis auf ein paar Streitereien bei den Kindern geben sich doch alle Mühe Frieden zu halten, wenn der papa schon so lange weg sein muß. Anja zeigt zu Hause immer schön auf der Karte wo ich gerade bin und Oma und Opa verfolgen alles im Atlas. Manchmal gibt sie mir auch dienliche Hinweise . So auf der RV17 als ich ohne Karte fuhr oder jetzt, daß ich hätte von Tromsö mit der Fähre schneller über den Sörfjord gekommen wäre als wieder die E8 zurück. Diese Art fernmündlicher Unterstützung finde ich sehr angenehm.
Auf der eingeschlagenen Route wird die E8 zur E6 und wir bewegen uns jetzt schon ganz schön weit nördlich, noch ist nicht abzusehen, daß irgendwann die Straßen nur noch wieder runter nach Süden führen und … ich finde das fabelhaft. … . Es geht entlang der Ostseite des Storfjords. Skibotn bietet mir wieder eine Möglichkeit, Benzin zu fassen, was ich auch tue. Meine Gedanken sind aber abgelenkt, weil sich genau gegenüber ein Hof befindet, wo ein Bauer Heu aus der Scheune holt und in eine Presse gabelt. Da ich auf Grund meiner Reise ( die Zeit kleine Bündel zu pressen war zu knapp und so haben wir nur große Quader, die wir bei Bedarf auflösen und pressen möchten) dieses „stationäre“ System zu Hause auch einsetzen möchte, bin mache ich Kehrt und fahre auf der gegenüberliegenden Seite in die Hofeinfahrt. Jetzt halte ich auch noch die Leute von ihrer Arbeit ab. Sowas! Der Mann ist schätze ich Mitte – Ende 50 sehr nett, kann gut englisch macht gleich die Maschine aus und wir kommen schnell in Fachgespräche. Seine Frau guckt um die Scheunenecke, wer zu Besuch ist und kommt kurz darauf mit ihrer Schwägerin wieder. Diese meint, ich solle ihr mit dem Motorrad folgen und mit zum Kaffee kommen. Ich bin etwas verunsichert und fahre langsam hinterher. Sie stellt sich als Anny vor und ruft auch ihren Mann Oddmund herbei. Sogleich gibt’s wieder viel zu erzählen und bald ist auch der Kaffee fertig. Es stehen noch so einige andere lokale Leckereien auf dem Tisch ( eine Art Knäckebrot, Moltebeerenmarmelade, und sowas wie etwas süßlich schmeckender Käse zum aufs Brot streichen von dem Anny sagt sie würden selten ohne dieses „Zeug“ verreisen) und ich soll doch zugreifen nach der langen Reise. Das Häuschen ist wirklich schön und gemütlich. Rasch sind zwei Stunden verquatscht und sie wollten doch noch etwas tun. Natürlich wäre es jetzt für zu spät zum weiter fahren und ich könne hier natürlich übernachten. Anny möchte auf dem Grundstück Löcher mit Erde ausfüllen, damit die Wiese schön eben wird. Während ich ihr dabei helfe schneidet Oddmund mit seinem mobilen Sägegatter Bretter für die Sanierung einer alten Hütte zurecht. Sie meint noch, sie müßte mich bezahlen für meine Arbeit. Als ich meine, soweit kommt es noch,daß sie mich aufnehmen und noch dafür bezahlen, und dann müße ich sofort aufbrechen lacht sie nur. Thema abgehakt :-) . Als die Arbeit geschafft ist, sehe ich mir das Sägegatter an und mache den täglichen AWO – Service. Anny geht Abendbrot vorbereiten. Wie ich meinen Wal möchte, fragt sie, gegrillt oder mit heller Soße. Ehe ich was sagen kann meint sie, wir machen einfach beides. Da kannst du kosten, was besser schmeckt. Wow. Es gibt was? Wal? Hier werde ich völlig unaufgefordert eingeladen, darf übernachten, bekomme in Gesprächen soviele Informationen, wie ich kaum aufnehmen kann und werde auch noch mit lokalen Delikatessen verwöhnt Das klingt alles wie ausgedacht, fühlt sich aber echt an!!! Wenn sich mir die Gedanken jetzt noch im Kopf drehen, kann ichs selber kaum glauben. … Jedenfalls gibt’s Wal mit Gemüse und roten Kartoffeln. Beide Zubereitungsformen sind äußerst lecker und völlig überraschend im Geschmack. Von Aussehen und Konsistenz her würde ich es zwischen Rind und Schwein einordnen und, obwohl es ein Säugetier ist kommt ein feiner Fischgeschmack durch. Alles in allem ein für mich einzigartiges Geschmackserlebnis. Preiselbeeren und Rotwein dürfen nicht fehlen. Bei essen, trinken und unterhalten vergehen Stunden in Minuten. Auch soganannte Tabuthemen wie Walfang und 2. Weltkrieg spreche ich an, und es gibt keinerlei Irritationen. Hier erfahre ich auch, daß hier die finnische Kultur größeren Einfluß hat, weil von langer Zeit in Finnland eine große Hungersnot herrschte und viele Finnen sich retteten, indem sie in Richtung Küste zogen. Auch hier haben die Deutschen tiefe Narben hinterlassen. Es wurden ohne Gnade die Leute vertrieben oder umgebracht und alles Vieh getötet, sowie alle Häuser verbrannt und Bäume abgeholzt. Zweck dieser „Aktion“ sollte sein, den „feindlichen“ Truppen nichts als verbrannte Erde ohne Möglichkeit des Unterschlupfes, der Nahrungsbeschaffung oder etwa sogar des Zuspruches und der Hilfe der Bevölkerung zu hinterlassen. Es gibt hier hauch eine Passstraße, die „der Blutweg“ genannt wird. Sie wurde im Krieg durch die Nazis von Gefangenen errichten gelassen. Viele starben und wurden, weil die Erde gefroren war unter der Straße verscharrt. Dieser Pfad dient heute dem Gedenken. Tief bewegt hat mich auch als Anny sichtlich bedrückt von einem Spaziergang auf diesem Weg erzählt. Sie sind sich sehr der Bedeutung um diesen Weg bewußt. Während sie gehen, bekommen sie von einem ihrer Kinder einen erschütternden Anruf. Sie werden informiert, daß ein Norweger namens Breivik in Oslo Gebäude in die Luft gejagd hat und sehr viele Menschen, darunter auch Kinder und Jugendliche gezielt ermordet hat, offensichtlich aus rassistischen Hintergründen. Sie kann nicht ausdrücken, was für Gefühle sie dort hatten, aber ich sehe es ihnen an und schweige auch. Es gibt aber auch schöne Themen. Ich erzähle viel von der Landwirtschaft und der Familie. Anny holt noch ein Buch raus , in das ich etwas schreiben soll. Es ist spätt, aber natürlich nicht dunkel geworden. Ich bedanke mich nochmals für die Gastfreundschaft und erzähle, daß wir zeitig aufbrechen wollen. Es folgt eine kurze Erklärung, wo ich alles mögliche zu essen fürs Frühstück finde und daß sie die Tür offen lassen. Ich könne mich dann selber kümmern. Abschließend gibt es noch eine Einladung jederzeit wieder herkommen zu dürfen und Adressen und Telefonnummern werden getauscht. Sie unterschreiben noch auf meinem „Tour – T-Shirt“ und dann ziehe ich mich in die Hütte zurück. In meinem Tagebuch ist heute die schrift recht unleserlich, weil ich gegen die zu fallenden Augen ankämpfe. Sollte ich besser morgens die Aufzeichnungen machen?
Technisches:
ein wenig Öl vom Entlüfterdrehschieber steht im Lichtmaschinendeckel .. gereinigt
Luftfilter gereinigt und bissl eingeölt
Magnet gereinigt
Zündkerze gereinigt
Vorn wieder eine Speiche gebrochen … gewechselt