Nur weil gerade das Stichwort gefallen ist.
Der Autor und Professor für Soziologie Wolfgang Sofsky über eine weitverbreitete Untugend - die Feigheit:
Zitat:
Feigheit ist kein Laster, sondern eine Untugend, ein Mangel an moralischer Willensstärke. Laster entspringen der animalischen Natur des Menschen, Untugenden haben ihren Grund in fehlender Selbstbeherrschung. Der Feigling meidet jedes Hindernis. Wo es darauf ankommt, sucht er das Weite. Er weicht aus, duckt sich ab, sucht zu verschwinden. Entbrennt ein Streit, gibt er Fersengeld. Wittert er Widerspruch, flüchtet er in Lügen und Beschönigung. Entscheidungen vertagt er, und falls sie nicht mehr zu vermeiden sind, wartet er ab, bis alle zugestimmt haben. Auf Angriffe reagiert er mit Wehgeheul. Sich selbst als Opfer zu stilisieren, taugte schon immer zur Maskierung des Kleinmuts.
Feigheit ist ein Zustand tiefster Unfreiheit. Sie liefert den Menschen der Angst aus. Wer die Courage diffamiert, rechtfertigt das Zwangsgehäuse der Angst. Wie bescheiden die moralischen Ansprüche gegenwärtig sind, lässt sich schon daraus ersehen, dass Feigheit häufig zum Beweis von Klugheit umgedeutet wird. Auf dem aktuellen Markt der Moral muss ein Hasenherz kaum Verachtung fürchten. Ritterlichkeit gar, diese Tugend der Ehre, kennt man nicht einmal mehr vom Hörensagen. Man hält sie für ein Relikt des Ancien Regime. Aber alles Gerede von Solidarität oder Gerechtigkeit ist nichts wert, wenn niemand bereit ist, für den Schwachen etwas zu riskieren. Immer sollen es die anderen richten: die Gesellschaft, der Staat, die Schule. Und immer sind andere schuld am erbärmlichen Zustand des Gemeinwesens: die Regierung, die Rebellen von einst, die Reichen von heute.

