Tomasz, Bernde, AWO!… ein Ausflug an den Südrand von Polen

Wieder mal eine geile Strecke gefunden oder gut untergekommen? Und du willst es nicht für dich behalten? Dann hier rein damit!
Benutzeravatar
Bernde
AWO 425 Member
Beiträge: 645
Registriert: Mo 3. Aug 2009, 14:43
Gewerbetreibender für Oldtimer & Zweirad: NEIN
Wohnort: 02894

Re: Tomasz, Bernde, AWO!… ein Ausflug an den Südrand von Po

Beitragvon Bernde » Do 26. Jun 2014, 16:06

Zu dritt genießen wir von den Resten des Wohnturms aus die schöne Aussicht, den frischen Wind um die Nase und ich im Inneren das gute Gefühl, mit Freunden hier ein paar tolle Kilometer AWO fahren zu dürfen.
donjon3.jpg
Nebenbei zeigen sie mir die Richtung in die wir uns nun weiter bewegen wollen. Das ist aber auch die Richtung in die eine mächtige Regenfront zieht. …

Egal, das naß werden lohnt sich aber, denn durch Wolken, Nebel und Sonne um die Berge ergeben sich Bilder und Farbspiele, die das Potenzial haben die ganze Reise mit nochmehr Wert zu füllen! ( Ok, vielleicht bin ich da bissl crisscross … fand ich doch die Mageroya-Nordkapinsel auch schon so faszinierend, wo andere nur meinten, es wäre nur ein flechtenbewachsener Felsen im Nordmeer!)

Auf die Plätze! Fertig! Los!
Tomasz fährt schonmal voraus um unten im Dorf nochmal nach seinem Freund zu forschen. Wir rollen ohne die Maschinen zu starten den steilen Berg wieder runter, um niemanden zu stören, sammeln Tomasz, der nun fündig geworden und glücklich ist, wieder auf und weiter gehts auf der Straße 385.
Wieder hat uns eine Regenwolke erwischt und Piotrs Isch geht plötzlich aus. Kein Benzin infolge eines vom Tankentlüftungsloch angesaugten Tankrucksacks. Das ist schnell behoben, aber der Regen wird immer bindfadenartiger. In Zabkowice Slaskie ( Schlonskie gesprochen weil das a unten ein Häkchen hat. Ja, ich versuche wirklich, alles richtig auszusprechen und übe mit Tomasz`s Hilfe, denn es wird überall mit einem lächeln belohnt, wenn ein deutscher sich bemüht! Wir sind ja diesbezüglich etwas faul!) halten wir an einer Tankstelle, um die Regenhaut wieder überzustülpen. Tomasz`s Licht ist ausgefallen, ein Wackelkontakt am Abblendlichtschalter. Der wird kurzehand gebrückt. In Polen muß sowieso jeder und immer das Licht an haben. Hier trennen sich leider auch Piotr´s und unsere Wege. Er hat noch ne ganze Ecke vor sich. Die Verabschiedung fällt sehr herzlich aus und wir versprechen, daß wir uns nicht das letzte mal getroffen haben!
Endpunkt unserer Reise soll die Stadt Zloty Stok sein. Eigentlich hätten wir uns eine Goldmine anschauen wollen, aber die letze Führung ist gerade vorbei und die Besucher strömen bereits wieder heraus. So nutzen wir die Zeit für ein Schwätzchen mit dem Kartenverkäufer und kaufen noch schnell eine schön detailierte Straßenkarte von der Wojewodschaft Dolny Slask (Niederschlesien).

Da wir für abends noch Brot und Vodka na Myszach ( Wodka mit Maus, so nennt man Whisky in Polen: Wodka in den eine Maus gefallen ist :-) ) brauchen, halten wir an einem Sklep Monopolowe. Normalerweise gibts in Monopolowe nur Alkohol und Knabbersachen erklärt Tomasz. Wir haben ganz offensichtlich Glück und die zwei jungen Mädels haben auch noch ein! Brot für uns. Wir nehmen noch Brandy und Cola mit, damit ich auch nicht auf dem trocknen sitzen muß. Auch kaufen wir diese großen Erdnussflipartigen... Flips in toller bunter Tüte, dafür ohne Geschmack (hat sich meine Tochter gewünscht). Nach einer Bleibe für die Nacht gefragt, wissen sie auch bescheid und kommen mit hinaus um es zu zeigen. Der unvermeidliche Stadtspritti gesellt sich auch dazu und quatscht dauernd rein, bis Tomasz ihm freundlich klar macht, daß er mit der Dame redet und sie nicht dauernd unterbrechen soll.
Wir landen in einem „Sportkomplex”, eine Art Jugendherberge mit angeschlossener Turnhalle. Von außen sieht das Gebäude auf der einen Seite erst halb fertig aus.
zloty stok_01_1.jpg
Würde man nie drauf kommen, dort nach Schlafmöglichkeiten zu schauen. Der Verwalter nimmt uns auch gleich mit hinauf, und zeigt uns die Räumlichkeiten. Alles neu, inkl. TV (den keiner von uns beiden will/ braucht) und WC / Dusche im Zimmer. Die als erstes geäußerten 80 Zloty handelt Tomasz auf 70 inklusive abschließbarer Garage runter.
zlotystok garage.jpg
Das sind nicht mal 20 Euronen für uns beide zusammen. Sehr fair!
Schnell ist das Gepäck hinauf geholt. Wir schnappen uns Bier und Brandy-Cola und schieben die alten Damen in die Garage. Ein wenig ölige Finger muß schon sein, also schrauben wir noch bissl rum. Ich muß die Kupplung nachstellen, gucke nach dem Ventilspiel und binde die nervig klappernde Hupe fest. Da mein Gefährt im Teillastbetrieb leicht „zweitaktet” (zu fett), trotzdem die Kerze überhaupt nicht rußig ist, setze ich die Nadel eine Kerbe tiefer. Tomek füllt ein paar ml 85W90 auf den Kardan, dessen Ölablassschraube leicht inkontinent ist.
Ready? Tak (ja) ! Dinnertime!
Die Garage wird abgeschlossen und wir gehen hoch, Abendbrot essen. Es gibt Tee, frisches Brot, Kabanossi, Schnaps mit Cola und Bier. Dazu lassen wir den Tag Revue passieren und zeichnen in die Karte unsere Wege ein. Gelächter gibts nochmal bei unserer illegalen Grenzübertrittsaktion :-)
Uns geht wirklich nie der Gesprächsstoff aus. Von Benzingesprächen über Family und Co. bis hin zu Politik ist alles dabei und die Stunden verfliegen. Nach halb zwölf werfen wir noch einen Blick durchs Dachfenster in den Nachthimmel, wo man Sterne sehen kann und stellen Prognosen auf, wie morgen die Fahrt wird. Poitr hat gemeldet, daß er gut angekommen ist und den Wetterbericht durchgegeben. Kühler aber trockener. Wir werden sehen.
Noch mal kurz die Ohrhörer rein und paar Takte Massive Attack gehört, von denen wir beide begeistert sind, uns aber einig sind, daß der Name für „Chillout-Mukke” recht „agressive” ist.
Gute Nacht! ;;;;;;
Du hast keine ausreichende Berechtigung, um die Dateianhänge dieses Beitrags anzusehen.
dirty old men need love too. - burt munro 1899-1978 -
Benutzeravatar
Bernde
AWO 425 Member
Beiträge: 645
Registriert: Mo 3. Aug 2009, 14:43
Gewerbetreibender für Oldtimer & Zweirad: NEIN
Wohnort: 02894

Re: Tomasz, Bernde, AWO!… ein Ausflug an den Südrand von Po

Beitragvon Bernde » Mo 30. Jun 2014, 11:34

Habt ihr noch bock ?
:D

21.06.2014

Nachts gab es Regen. Die Dachfensterscheibe hat noch Wassertropfen drauf sitzen.
Früher als ich wollte zieht es mich aus meiner Traumwelt zurück in … cool … mitten in den Urlaub :-)

Ich genieße die warme Dusche mit „Extremwassersparduschkopf” wie sie jetzt auch bei uns modern sind. Zwar muß man hin und her hüpfen damit man naß wird, kann sich aber dafür den Frühsport sparen. In der Etagenküche kann man sich Wasserkocher ausborgen. Die 2 Minuten bis es kocht werden effizient ausgenutzt um mit zu Hause zu telefonieren, hereinkommende andere Gäste werden freundlich mit „Dzien dobry.” begrüßt.
Nach dem Tomasz aufgewacht ist gibts das obligatorische Frühstück mit türkisch Kaffee, ImNu und Routenplanung. Heute wollen wir den südlichsten Zipfel der Wojewodschaft Niederschlesien erkunden. Piotr hat uns gestern schonmal paar Tipps gegeben, welche Straßen gut zu fahren sind. Das heißt weniger Sehenswürdigkeiten, mehr AWO fahren. Darauf freuen wir uns beide sehr, obwohl Tomasz meint, ich würde müde aussehen. Das stört doch keinen großen Geist und wenn alle Stricke reißen gibts Red Bull aus der Magic Box, wie er meine Essenskiste (nicht mit der essenzkiste verwechseln !!! )
Es folgen aufräumen Zähne putzen, Klamotten zusammen raffen und schon kanns los gehen. Es wird Zeit mal ein Bild der Reisenden zu machen.
Bild eins: polnischer 4 – Tagesreisender mit voller Ausstattung
Tomsz.jpg

Bild zwei: deutscher „Weichei” - 4 – Tagesreisender mit allem was er tragen konnte (der Rest ist im Seitenwagen). In puncto Packeffizienz und Reduktion aufs wesentliche sind also noch deutliche Reserven vorhanden.
Bernde.jpg

Garage auf, Schlüssel abgegeben und schon können wir losreiten. Straße 390 trägt uns gen Süden und fährt sich ganz gut. Schön kurvig, wenig Verkehr, hügeliges Terrain und immerwieder tolle Aussichten auf die Landschaft. In Ladek-Zdroj wechseln wir auf die 392. Hinter Stronje Sl. Steigt es wieder echt steil an. Wir kommen an einer Uranmine vorbei, die zum Museum ausgebaut ist und schlängeln uns immer weiter hinauf ein das Skigebiet am Czerna Gora. Ganz oben ist Fototermin mit Panoramablick. Wir haben grad die AWOs zurechtgerückt, da macht es knack und Tomasz Seitenständer gibt den Geist auf. Zum Glück hat er noch den Hauptständer. Auf einer Anhöhe mitten auf einer Wiese postieren wir die AWOs nochmal, knipsen ein wenig herum, genießen die Aussicht und Tomasz teilt mit mir seine leckeren, polnischen Hanutariegel.
czerna gora 5_1.jpg

Wenn man ewig hoch fährt muß es irgendwie auch wieder runter gehen, und das passiert genauso schlangenartig wie schon zuvor bergauf.
Du hast keine ausreichende Berechtigung, um die Dateianhänge dieses Beitrags anzusehen.
dirty old men need love too. - burt munro 1899-1978 -
Benutzeravatar
Bernde
AWO 425 Member
Beiträge: 645
Registriert: Mo 3. Aug 2009, 14:43
Gewerbetreibender für Oldtimer & Zweirad: NEIN
Wohnort: 02894

Re: Tomasz, Bernde, AWO!… ein Ausflug an den Südrand von Po

Beitragvon Bernde » Mo 30. Jun 2014, 11:40

czerna gora 5_2.jpg

Wie Piotr schon „angedroht” hat ist es heute sehr frisch, wenn die Sonne sich wiedermal hinter einer fetten Wolke versteckt. So ziehen wir auch gleich wieder die Regensachen drauf.
Miedzylesie ist eine Stadt im südlichsten Zipfel von Dolny Slask.
DSC07532_1.jpg

An einer großen Tankstelle gibts für mich eine Wechselstube, Benzin für die Ladies,Hot Dog und Redbull für uns und Tomasz`s Lederjacke wird mit einer Ladung DuckTape wieder winddicht gemacht. Sieht cool aus, hält und ändlich weiß ich, es war nicht umsonst die schwere Rolle mit zu schleppen!
DSC07533_1.jpg

Mein Tourguide verschwindet auf die Toilette und kehrt fröhlich mit einem hübschen jungen Mädchen zurück. Wir haben doch gar keinen Platz Tramper mit zu nehmen...
Er stellt sie mir als seine Cousine vor. So ein Zufall, die sind mit der Schulklasse nach Italien unterwegs und … so klein ist die Welt … trifft man sich mitten in der Pampa.
Du hast keine ausreichende Berechtigung, um die Dateianhänge dieses Beitrags anzusehen.
dirty old men need love too. - burt munro 1899-1978 -
Benutzeravatar
Bernde
AWO 425 Member
Beiträge: 645
Registriert: Mo 3. Aug 2009, 14:43
Gewerbetreibender für Oldtimer & Zweirad: NEIN
Wohnort: 02894

Re: Tomasz, Bernde, AWO!… ein Ausflug an den Südrand von Po

Beitragvon Bernde » Mo 30. Jun 2014, 11:51

tomasz bernde_1.jpg

Eigentlich wollten wir heute auf polnischem Gebiet bleiben, finden aber den richtigen Abzweig nicht. So überschreiten wir die Grenze erneut und merken bald, die Straße fährt sich sehr angenehm. Sie folgt fast exakt dem Grenzverlauf. Ganz ohne verfahren gehts natürlich nicht und so kommt uns eine Schulklasse gerade recht. Die Mädchen geben Tomasz gerne Auskunft.
DSC07539_1.jpg

Eigentlich gibts aber nicht soviele Möglichkeiten. Auf dem Weg kommen uns Sicherungsfahrzeuge und – Motorräder entgegen, die uns bedeuten an den Rand zu fahren und zu warten. Also Pause. Kurze Zeit später kommt mit geschätzen 50 Sachen eine Horde Rennradfahrer um die steile Kurve gefegt. So schnell wie sie kamen sind sie auch wieder verschwunden und wir tasten uns vorsichtig weiter bergan. Gerade noch rechtzeitig halten wir vor der nächsten Kurve und der nächste Pulk zieht pfeilschnell vorüber. Oben angekommen nutzen wir nochmal eine Wegeinfahrt zum warten. Dort treffen wir auf eine Frau und einen Mann mit Rennrad. Wir erfahren, daß zwei bis dreihundert Fahrer heute hier unterwegs sind. Aber wir können langsam weiterfahren meint der Mann augenzwinkernd. „Bergauf kommen sie euch nicht so schnell entgegen.”
Etwas weiter an einer Gaststätte schauen wir nochmal auf die Karte. Ein Kellner kommt gleich und gibt uns den guten Rat auf die polnische Seite zu wechseln, denn dort ist es viel schöner mit dem Motorrad zu fahren als hier. Aber wo wechseln? „Na dort!”, zeigt er auf eine kleine Brücke, nicht viel breiter als eine Hofeinfahrt. Das hätten wir bestimmt auch wieder übersehen, lachen wir uns an.
Und tatsächlich scheint die Straße wie für Motorräder gemacht. Griffiger Asphalt, kein Sand in den Kurven schöne Aussichten keine Schlaglöcher hinter den Kurven versteckt. Wir sind uns einig, Straße 389 ist die beste Strecke der gesamten Tour.
Mit Zieleniec durchfahren wir einen der beliebtesten polnischen Skiorte und das sieht man auch. Überall wurde neu gebaut und sich für die Touri`s hübsch gemacht.

Dieses Phänomen trifft auch auf andere Kur- und Touristenorte zu, wogegen es in manch kleinerem Dorf oder weniger bekannter Stadt oft noch sehr trostlos aussieht. Wenn die wirtschaftliche Grundlage in Form von Arbeitsplätzen und somit Lohn fehlt, ist das Geld bei den Leuten knapp für Investitionen und auch andere Problem wie Trinkerei kommen zum Vorschein. Das bestätigt mir auch Tomasz. „Hast du irgendwelche neuen Betriebe oder Fabriken gesehen? Diesbezüglich ist die Region leider noch arm dran!”

Nun haben wir uns den Weg hinauf gekämpft. Wir ziehen ( hier oben ist es verdammt frisch) wiedermal die Regensachen über, weil es auch noch anfängt von oben naß zu werden. Langsam wird das ständige An und Aus echt nervig und … Murphys Gesetz sei dank... immer wenn wir grad eingepackt sind , dauert es nicht lange und die Sonne kommt raus. Andersrum genauso! Mir kommt die Idee, die Sachen anzulassen, damit der Regen endlich weg bleibt.
Naja, egal.
Auf halbem Weg bergab gibts nochmal einen sehenswerten Aussichtspunkt. Dort macht auch ein Ehepaar Kaffeepause. Der Mann springt gleich auf und erkennt richtig „SIMSON”. Es folgt ein angeregtes Gespräch des Mannes mit Tomasz, von dem ich soviel mitbekommen hab, daß er auch mal eine AWO hatte und sie gegen irgendwas plus paar Flaschen Wodka eingetauscht hat. Die Gelegenheit uns mal zusammen abzulichten wird genutzt und den Gefallen tut uns der gute Mann gern.
DSC07566_1.jpg

Wir genießen weiter die Fahrt und kommen schließlich nach Kudowa- Zdoj, ebenfalls ein Kurort, in dem das Leben pulsiert. Zum Mittagessen lade ich mal Tomasz ein. In Sichtweite zu den Motorrädern genehmigen wir uns überbackenen Käse mit pommes und Preiselbeeren mit Espresso und Pepsi für 12.50 Euro insgesamt. Wenn wir schonmal da sind holen wir uns natürlich einen Becher Heilwasser. Hier gibts zwei Sorten mit natürlicher Kohlensäure, eine schmeckt nach Eisen, die andere nach faulen Eiern. Wir können uns das Lachen nicht verkneifen. Aber für gewisse Therapieunterstützende bei z.B. Schilddrüsenüberfunktion oder anderen Sachen, soll das Wasser echt hilfreich sein.
Du hast keine ausreichende Berechtigung, um die Dateianhänge dieses Beitrags anzusehen.
dirty old men need love too. - burt munro 1899-1978 -
Benutzeravatar
Bernde
AWO 425 Member
Beiträge: 645
Registriert: Mo 3. Aug 2009, 14:43
Gewerbetreibender für Oldtimer & Zweirad: NEIN
Wohnort: 02894

Re: Tomasz, Bernde, AWO!… ein Ausflug an den Südrand von Po

Beitragvon Bernde » Mo 30. Jun 2014, 12:01

Die Berge, an durch die wir uns nun kämpfen, sind Tafelberge, ähnlich denen in der sächsischen Schweiz. Als wir gerade nochmal eine Pinkelpause einlegen kommen bestimmt 20 New Beetles an uns vorbei. Muß irgendwo ein Nest sein ;-) . Manche winken andere hupen. Wir erwiedern.
Am ersten Reisetag hatte ich schon für die Kids ein paar Mitbringsel gekauft. Nun wollte ich für meine Anja auch noch was schönes haben. Überall stehen Schilder mit der Aufschrift „HONIG”. So biegen wir bei Radkow in einen schlechten Feldweg ein. Die Bauern machen am Wegesrand Heu und zeigen uns, über unsere Karren staunend den Weg zum Imker. Eine Frau führt uns in einen Schuppen der von außen wenig gutes erahnen läßt, innen jedoch top in Ordnung ist. Geflieste Wände, moderne Verarbeitungsgeräte und das Regal voll mit neuen Gläsern. In einem alten schicken Regal in einem Nebenraum stehen die gefüllten Gläser in verschiedenen Sorten und Größen zum Kauf bereit. Hmmmm, sieht das lecker aus. Ich nehm gleich 3 mal knapp 1 einhalb kg : Phacelia-, Raps- und Blütenhonig. Der Sohn erklärt uns die Arbeitsschritte. Dann dürfen wir von den vollen Waben kosten. Tomek langt gleich mit seinen Schrauberfingern in die Schüssel ;-) . Eine Delikatesse. Die Waben kaut man aus wie Kaugummi. Wieder eine Erfahrung auf die ich nur ungern im Leben verzichtet hätte. Vielen Dank !!!
Zurück auf der Straße müßen wir uns entscheiden, ob wir in Woliborz auf den Campingplatz fahren oder noch ein Stückchen weiter nach Srebrna Gora zu Tomasz`s Freund. Er telefoniert kurz. Die Wahl fällt auf Srebrna Gora.
Da meine Zlotyreserven durch den Honig wieder aufgebraucht sind halten wir nochmals in Nowa Ruda auf dem wirklich sehenswerten Marktplatz
DSC07579_1.jpg
und suchen einen Bankomat auf. Auf dem Markt zurück spricht mich ein Jugendlicher an, der mit seiner Freundin hier sitzt. Er stellt sich mit Namen vor und kann sehr gut englisch. Ich erzähle ihm, daß ich es hier sehr schön finde und er freut sich, und erklärt , daß durch die Zwangsumsiedlungen nach dem Krieg hier Menschen aus verschiedenen Landesteilen „zusammengewürfelt” worden sind. Ich werfe ein, ob man sich nicht das beste aus den verschiedenen Mentalitäten nehmen könnte. Leider funktioniere das immer noch nicht so wie es zu wünschen wäre, gibt er zu und fände das auch nicht schön. Wir verabschieden uns und schlagen erneut den Weg nach Srebrna Gora ein.
An der Straße empfängt uns schon ein groß gewachsener Mann mit langen Haaren, langem zum Teil geflochtenen Bart und Brille.
Die AWOs werden in einem Hinterhof abgestellt und diesmal auch angeschlossen, sowie das Werkzeug mit aufs Zimmer genommen.
Nach so langen Zeit, die bis zu diesem Wiedersehen verstrichen ist, muß erstmal viel erzählt werden. Ich nutze die Zeit, um mit Anja zu telefonieren.
Das Haus ist eins von den ehemaligen Soldatenunterkünften. Ich muß einfach Fotos machen.
srebrna gora 1_03.jpg

Trotz seiner Schlichtheit und der durch den abgefallenen Putz schäbig wirkenden Fassade finde ich es besonders schön und das meine ich wirklich ernst !!! Man braucht so wenig zum zufrieden zu sein. Die Häuser vermitteln mir einen Charme, den man nicht in Worte fassen kann. Ich fühle mich hier sehr wohl.
srebrna gora 2_03.jpg

Die schmale Holztreppe knarzt und quietscht unter meinen Schritten. Nur sie allein weiß, wieviele Soldatenfüße sie schon getragen hat. Oben wird grad lebendes (ungefiltertes, nicht pasteurisiertes) Bier verkostet. Ich muß auch probieren. Nein, ich werde kein Bierfreund werden, sorry. Ich geselle mich wieder hinzu und Tomasz übersetzt mir einiges.
Auf dem Tisch liegen Bücher. Eins davon handelt von einem Mann, der die Road of Bones von Magadan nach Jakutsk gelaufen ist und seinen Geschichten.
Der Raum ist von Spartanischer Schönheit. Zwei alte Schränke, geschliffene Dielen ein Tisch, ein Schlafsofa, ein alter Schreibtisch und ein Kachelofen. Eins der zwei Fenster steht immer offen. Aus einem Laptop klingt nett anzuhörende polnische Mukke.
Du hast keine ausreichende Berechtigung, um die Dateianhänge dieses Beitrags anzusehen.
dirty old men need love too. - burt munro 1899-1978 -
Benutzeravatar
Bernde
AWO 425 Member
Beiträge: 645
Registriert: Mo 3. Aug 2009, 14:43
Gewerbetreibender für Oldtimer & Zweirad: NEIN
Wohnort: 02894

Re: Tomasz, Bernde, AWO!… ein Ausflug an den Südrand von Po

Beitragvon Bernde » Mo 30. Jun 2014, 12:02

Wir beraten, was wir machen. Einkaufen und uns irgendwo hinsetzen, philosophieren und chillen.
Zu Fuß gehts hinunter uns Dorf. Nach kurzer Beratung werden im „Sklep Delikatesovy” zwei Flaschen süßer moldavischer Rotwein und ein halbtrockener Roter, sowie zwei Ringe polnische Wurst gekauft. Aus dem Beutel duftet es verdammt lecker.
Über den neu und sehr schön gestalteten Marktplatz mit Kirche und vielen Sitzgelegenheiten führt uns Tomasz`s Freund einen sehr steilen Wiesenweg hinauf, auf eine Anhöhe über dem Dorf.
DSC07602_1_1.jpg

DSC07605_1.jpg

Der Blick ist so schön, daß ich soviele Bilder mache wie die japanischen Touristen. Inmitten von Pferdekoppeln, Wiesen und Büschen steht eine große hölzerne Hollywoodschaukel. Von hier aus kann man fast bis nach Walbrzych sehen. Die Sonne bringt mit ihren letzten Strahlen das Tal und die Bergkuppen im Hintergrund nochmal kurz zum erglimmen, bevor sie der kürzesten Nacht des Jahres den Weg frei macht. Wir setzen uns, Wein und Wurst geht rum und es wird viel erzählt, während die Nacht langsam ihren Mantel über uns ausbreitet. Die Gespräche streifen durch sämtliche Themen von Motorrad über Geschichte, Kirche und Politik bis hin zum Nordkap. Die Flaschen leeren sich und die Zeit verfliegt.
Jetzt müßen wir entscheiden: nach Hause gehen und weiter trinken oder wandern und noch was erlaben, während getrunken wird. Die Wahl fällt aufs wandern. So stapfen wir, unser flüssiges Proviant an uns nehmend weiter bergauf in die Finsternis. Nach ca einer halben Stunde kommen wir auf den Weg, der hinauf zum Bergfried führt. Dieser ist beleuchtet und wir sehen wieder Mönche und Ritter stehen. Wir nehmen die noch steilere Abkürzung und schon sind wir oben, Dort herrscht reges mittelalterliches Treiben. Wie mir Tomasz erklärt, gibt es hier ein Camp für Kinder und Jugendliche, die Abenteuer”ferien” machen können. Sein Kumpel arbeitet hier und auch er hat hier vor ein paar Jahren mal „Dienst” getan. Er verbindet mit diesem Ort eine Menge sehr schöner Erinnerungen. Sicher ist die für ihn ein Höhepunkt unserer Reise. Wie dazu gehörend schlendern wir durch die singenden und spielenden, mittelalterlich gekleideten Jugendlichen, die mit Bogenschießen, Tauziehen und allerlei anderen Sachen beschäftigt sind. Unser Weg führt uns eine abgesperrte Treppe hinauf. Von dort sehen wir dem Spektakel ein wenig zu. „Komm weiter!”. Wohin gehts jetzt noch? Wir pirschen uns durch meterhohes Gras, der Wind wiegt es hin und her. An einem Absperrzaun …. bleiben wir NICHT stehen, sondern klettern drüber.
„Ab hier müßen wir sehr vorsichtig sein, denn in 5 m geht es senkrecht runter” meint Tomasz. „Diesen Platz nennen die weinigen, die ihn kennen, Titanic, weil der Felsen hier wie der Bug eines Schiffes hervor steht.”
Gut , daß es dunkel ist, sonst hätte ich diesen Ort niemals betreten können. Aber , „carpe noctem!” .
DSC07610_1.jpg

Ein paar hundert Meter unter uns erstreckt sich die Ebene und die Straßen und Dörfer sind nur linien-, schlangen- oder haufenförmige Ansammlungen von Lichtpunkten. Wir setzen uns uns Gras und genießen einfach nur. Ab und zu erzählt Tomasz ein paar Geschichten. Die Sterne kommen heraus und ich liege einfach da und denke, daß es gleichzeitig Höhepunkt und würdiger Abschluß einer tollen Reise ist, wenn man Mittsommer an einem solchen fantastischen Ort verbringen darf!

TOMASZ, TAUSEND DANK NOCHMALS DAFÜR !

Langsam wird es frischer. Der Wind nimmt etwas zu, die Getränkereserven dagegen ab. Tomasz und ich verabschieden uns und lassen unseren Kollegen noch ein wenig für sich allein. Auf meine Frage, ob er nicht runterfällt, meint Tomasz nur, nein, er hat Autopilot. Wir mogeln uns wieder durch die Edeldamen, Ritter und Mönche hindurch und finden den Weg hinunter in unser Nachtlager. Die Beine sind schon etwas schwer vom süßen Moldavier. Ein paar Stunden Schlaf auf den schönen Dielen werden uns gut tun, denn morgen liegen noch ein paar hundert Kilometer vor Tomasz, ein paar weniger vor mir.
Du hast keine ausreichende Berechtigung, um die Dateianhänge dieses Beitrags anzusehen.
dirty old men need love too. - burt munro 1899-1978 -
Benutzeravatar
Bernde
AWO 425 Member
Beiträge: 645
Registriert: Mo 3. Aug 2009, 14:43
Gewerbetreibender für Oldtimer & Zweirad: NEIN
Wohnort: 02894

Re: Tomasz, Bernde, AWO!… ein Ausflug an den Südrand von Po

Beitragvon Bernde » Mo 30. Jun 2014, 12:12

noch schnell ein pic hinterher
awo 2_02.jpg
Du hast keine ausreichende Berechtigung, um die Dateianhänge dieses Beitrags anzusehen.
dirty old men need love too. - burt munro 1899-1978 -
Benutzeravatar
Bernde
AWO 425 Member
Beiträge: 645
Registriert: Mo 3. Aug 2009, 14:43
Gewerbetreibender für Oldtimer & Zweirad: NEIN
Wohnort: 02894

Re: Tomasz, Bernde, AWO!… ein Ausflug an den Südrand von Po

Beitragvon Bernde » Mi 2. Jul 2014, 10:11

22.06.2014

Nach einer Nacht im Wald ( Holz unter, menschliche Motorsäge neben uns ) beginnt für uns der letzte Reisetag mit einem frischen, aber erstmal sonnigen Morgen.
DSC00745_1.JPG

Wir machen leise Frühstück während Tomasz`s Kollege noch schläft. Klar, wer die ganze Nacht Bäume umsägen mußte, ist morgens müde ;-) .
Es werden die letzten Preiselbeermarmeladereserven aufgebraucht und vom Brot bleibt auch nix mehr übrig. Gut kalkuliert!
Irgendwie wollen wir noch nicht so recht ans aufbrechen denken, sitzen noch so rum und quatschen. Doch einige Kilometer liegen noch vor uns und morgen beginnt schon wieder der normale Alltag. So packen wir also unsere sieben Sachen und beladen wieder die Maschinen und nach einer sehr herzlichen Verabschiedung und vielen Danksagungen für Unterkunft und den erinnernswerten Abend tuckern wir los.

Nachdem Tomasz mir erzählt hat, welchen „Kosenamen” sie hier für die Großstadt verwenden, die wir heute zu durchqueren haben, kommen mir in Erinnerung an Tomasz`s Freund Gedanken, als ob wir gerade aus dem sicheren Heim von Tom Bombadil auszögen um uns ins Ungewisse zu stürzen. :-)
Walbrzych, die Stadt durch die wir müßen, ist vom Kohlebergbau geprägt und wird „Mordor” genannt. Es heißt, man kann hinein finden aber es gibt kein entrinnen.
Zuvor jedoch genießen wir noch einige unbeschwerte ( außer mal die Regenklamotten überziehen) Kilometer Landstraße. In die Stadt hinein finden wir tatsächlich recht ungehindert. Doch dann verfahren wir uns bei der Suche nach einer Umgehung und müßen mehrfach Passanten (zum Glück keine Orks) nach dem Weg fragen. Ein Stück bergauf geht meine Lady unerwartet aus. DAS hatten wir ja seit > 15000 km nicht . Tomasz ist schon abgebogen und sieht nicht, daß ich stehenbleiben mußte. Ich schiebe das Gespann an den Rand und schaue nach. Benzin? Ok! Kerze? OK! Funke? Kommt! Bevor ich jetzt hier den Vergaser noch auseinander rupfe erst nochmal kicken. Tuck, Tuck, Tuck … läuft wieder ganz normal. Sehr schön.
Rauf auf den Bock und weiter. Tomasz kommt mir schon auf halber Strecke entgegen gelaufen. Um die Ecke ist eine Tankstelle. Zur Sicherheit fülle ich nochmal auf. Tomasz meint, einige Autos hätten gleich bei ihm angehalten und gesagt: „Dein Kollege steht da hinten mit Motorschaden.”. Da wäre er gleich losgelaufen. Zum Glück nicht. Wir fahren auf den Parkplatz und machen ein letztes Mal Mittagspause mit Hot Dog und Red Bull.
DSC00753_1.JPG

Da es wie gewohnt keine 5 min nachdem wir unsere Ragenklamotten übergezogen hatten wieder schön und warm wurde, entschließe ich mich, egal was kommt, die Sachen endgültig im Beiwagen zu verstauen und schon verdustert sich wieder der Himmel.
Fünf mal verfahren, Motor geht aus, Regen zieht auf... und wir sind immernoch nicht aus Mordor raus.
Als endlich das Ortsausgangsschild erscheint, reckt Tomasz triumphierend seine Faust hoch. Wir sind doch dem Molloch entkommen. ;-)
Langsam setzt auch die Wirkung des RedBull ein und die Augenlider sind nicht mehr ganz so schwer.
Ab Kamienna Gora kämpfen wir uns auf der 328 in Richtung Norden in Richtung Zlotoryia.
Dort halten wir nochmals kurz, denn hier heißt es Abschied nehmen. Tomasz muß weiter nördlich, ich hingegen schlage mich nach Westen durch. Wir wünschen uns alles Gute und gehen mit der Gewissheit auseinander, daß dies nicht der letzte gemeinsame Ausflug war. Vielleicht trauen sich sogar nächstes Mal ein paar mehr deutsche und auch polnische AWOisten, mit zu kommen.

Ich kann mich hier nur nochmals bei meinem Gastgeber aufs herzlichste für diese schöne, lehrreiche, lustige und zum Kopf freimachen super geeignete Reise bedanken!!!

Von nun an tuckert wieder jeder einzeln seiner Heimat entgegen.

Die größeren Straßen sind gut ausgeschildert, aber auch der Verkehr ist stärker. Mein Weg führt über Lwowek Sl. , Gryfow Sl. , Luban und Zgorzelec nach D zurück. Noch ein kurzer Tankstopp und schon sind wir über die Grenze.

Back home again!
DSC07618_2.JPG


Nu habt ihrs geschafft. ;-)
Euer Bernde
Du hast keine ausreichende Berechtigung, um die Dateianhänge dieses Beitrags anzusehen.
dirty old men need love too. - burt munro 1899-1978 -
Benutzeravatar
NKing
Beiträge: 37
Registriert: Do 14. Jul 2011, 14:55
Gewerbetreibender für Oldtimer & Zweirad: NEIN
Wohnort: Dresden

Re: Tomasz, Bernde, AWO!… ein Ausflug an den Südrand von Po

Beitragvon NKing » Do 3. Jul 2014, 15:03

Hallo Bernde,
Hallo Tomasz,

habt vielen Dank das Ihr Eure tolle Tour mit uns teilt - tolle Tour - tolle Motorräder - tolle Bilder!!! Ich habe schon lange nicht mehr so gespannt und gefesselt im AWO-Forum gelesen. ;-)

Ich hatte das große Glück 2012 eine solche Tour im Niederschlesischen bis zur Grenze der Ukraine mit einer ETS und einem Jawa-Gespann zu fahren. Ich habe mich stets ausgesprochen wohl gefühlt - das Land und seine Menschen sind stets eine Reise wert.

0ebbe297.m.jpg


Eins noch - ich bin seit Monaten nicht mehr AWO-Gespann gefahren - nach diesem Tourbericht muss ich heute Abend unbedingt die kleine AWO starten und noch eine Runde drehen. :P

dziękuję!
Nils
Du hast keine ausreichende Berechtigung, um die Dateianhänge dieses Beitrags anzusehen.
Benutzeravatar
pittiplatsch
AWO 425 Member
Beiträge: 241
Registriert: Do 19. Feb 2009, 13:47
Gewerbetreibender für Oldtimer & Zweirad: JA
Wohnort: 17367 Eggesin
Kontaktdaten:

Re: Tomasz, Bernde, AWO!… ein Ausflug an den Südrand von Po

Beitragvon pittiplatsch » Do 3. Jul 2014, 18:29

Toller Bericht .Bernde solltest Bücher schreiben .Hab ganz gebannt gelesen.

Gruss pitti
Ach du meine Nase. Wo ist bloß meine Rakete.

Zurück zu „Tourentips, Unterkünfte, Sehenswürdigkeiten“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast